Roll over alles oder die Scooterisierung
Neulich beim Zahnarzt: Im Wartezimmer sitzt ein Mann, der seinen Tretroller neben sich platziert hat. Noch ehe die anderen Wartenden fragen können, ob sie mal mit dem Vehikel bis zur Patiententoilette donnern dürfen, geht die Tür zum Behandlungsraum auf. Hindurch schreitet ein von einer Wurzelbehandlung Gezeichneter. Unterm Arm: seinen Elektroroller! Pardon, E-Scooter. Der Blick verrät alles. Der Träger hat vielleicht gerade seine Würde auf dem Zahnarztstuhl verloren, aber sein Scooter wird die seelische Verletzung besser heilen als der Arzt die Wunde im Kiefer. Und solche Blicke finden wir in unseren Städten immer häufiger. Auf dem Land mögen Trecker-Fahrer als Höhepunkt der Evolution gelten, in den urbanen Gefilden sind es die Scooter-Piloten. Die Krone der Schöpfung ist dort eindeutig, wer einen E-Scooter sein Eigen nennt. Geliehen oder gekauft: Dieses Gefährt verändert die Gesellschaft. Familien finden sich auf dem Roller drängend zueinander. Scooter machen die Menschen friedlicher, weil sie ihre Aggressionen durch das Versenken von Rollern in Binnengewässern abbauen können. Und nicht zuletzt wird der Brutalisierung des Fahrrad-Verkehrs ein Ende bereitet. Etwa durch sinuskurvenförmiges Rollern vor einem frustrierten Radler-Peloton. Mensch und Scooter verschmelzen immer mehr miteinander. Kein Wunder, wenn die Verschmolzenen gemeinsam zum Zahnarzt rollen. André Bochow